Ansprache zum Totengedenken am 25. November 2018
Waldfriedhof, Mannheim-Gartenstadt


Meine sehr geehrten Damen und Herren,

zunächst einmal möchte ich mich beim Kulturverein Waldhof herzlich bedanken für die Einladung, hier auf dem Friedhof Gartenstadt zum Totengedenken sprechen zu dürfen.
Es ist richtig und wichtig, dass neben den Vertretern der angestammten christlichen Religionen zunehmend auch Sprecher der weltlichen Weltanschauungen in die Kultur öffentlichen Gedenkens und Feierns einbezogen werden. Religion und säkulare Weltanschauung stehen sich in der offenen Gesellschaft nicht mehr feindlich gegenüber, sondern bemühen sich gleichberechtigt neben- und miteinander um die Orientierung an grundlegenden Werten. Sie erfahren sich dabei in ihren unterschiedlichen Sichtweisen weniger als miteinander konkurrierend, sondern als sich gegenseitig ergänzend.

Totengedenken – Gedanken zu Tod und Trauer
Die grundlegenden Erfahrungen des Lebens teilen alle Menschen miteinander. Die Freude an der Geburt eines Kindes ebenso wie die Trauer beim Verlust eines geliebten Menschen. Und von allen Erfahrungen, die uns bevorstehen mögen, ist keine so sicher wie das Sterben, wie der Tod.
Und ganz unabhängig davon, ob wir als religiöse Menschen an ein wie auch immer geartetes Weiterleben glauben, oder ob wir als Freireligiöse oder Humanisten davon überzeugt sind, dass der Tod das Ende der individuellen Existenz ist, so stehen wir doch angesichts unserer eigenen Endlichkeit und angesichts von Schmerz, Verlust und Trauer vor der gleichen Aufgabe. Nämlich: Wie können wir leben im Wissen um den Tod?
Wie können wir weiterleben nach dem Verlust eines geliebten Menschen?
Wenn ein Mensch stirbt, so hinterlässt er oder sie eine Lücke im Kreise jener, die diesen Menschen im Herzen tragen. An vielen Punkten des Alltages begegnen wir Situationen, die uns das Fehlen dieses Menschen immer wieder und oft überraschend vor Augen führen.
Kleine Dinge sind es oft – ein zarter Duft, eine kleine Melodie, ein vertrautes Wort -, die uns den Verlust schmerzlich bewusst machen, auch wenn wir meinten, unsere Trauer schon überwunden zu haben.
Abschied nehmen und Loslassen sind schwierige Unterfangen.
Jeder Tod ist ein Abschied, der uns Menschen vor die Herausforderung stellt, uns unseren vielfältigen Gefühlen zu stellen. Und das sind oft zwiespältige Gefühle: Schmerz, aber auch Zorn, das Gefühl des verlassen Seins, der Reue, der Unsicherheit, der Hilflosigkeit, der Leere.
Nichts ist mehr normal. Normalität muss neu gesucht werden und zwar besonders dort, wo alles weiterläuft, als sei nichts geschehen. Schließlich geht die Sonne allem zum Trotz jeden Morgen unbeirrt auf und abends wieder unter. Das empfinden Trauernde manches Mal als die allergrößte Ungerechtigkeit!
Aber wo und wie die Normalität wiederfinden?
Die einen finden Normalität im Beruf, andere bei der Gartenarbeit, manche bei gänzlich neuen Herausforderungen, bei sozialem Engagement, beim Reisen oder Musikhören..... Und viele bei Freunden ..-

Wir bewältigen die widersprüchlichen Gefühle der Trauer am besten, indem wir sie zulassen und uns dabei befragen, woher sie kommen, was dahinter steckt. Oft ist es die Sorge, allein zu sein, nicht die Kraft für einen Neuanfang zu haben, nicht weiter zu wissen.
Ja, wir wissen nicht weiter in der Situation der großen Trauer und deswegen dürfen wir unsere Schwäche zugeben, wir dürfen uns auf andere stützen, wir dürfen uns helfen lassen! Gut, wer jetzt Familie hat, gut, wer Freunde hat, mit denen er offen reden kann.
Die Zuwendung, die wir von anderen Menschen erfahren, die Anteilnahme, ein stiller Händedruck, einfache menschliche Nähe, das ist es, was uns hilft und uns wieder ins Leben bringt. Denn das Leben, unser menschliches Leben erfüllt sich in der Begegnung mit anderen. „Jedes wahre Leben ist Begegnung.“ („
Der Mensch lebt notwendig in einer Begegnung mit anderen Menschen, und ihm wird mit dieser Begegnung in einer je verschiedenen Form eine Verantwortung für den anderen Menschen auferlegt.“ Dietrich Bonhoeffer)

Begegnung und Beziehungen zu anderen machen den Kern unseres Lebens aus. Jeder Mensch hinterlässt eine Vielzahl von Spuren, durch seine Begegnung mit anderen.
Der Philosoph Giordano Bruno fasst dies in dem Satz: „Nichts wird zu nichts, nichts geht verloren!“
Begegnungen bewusst in uns aufzunehmen, bedeutet einen Teil des anderen in unser eigenes Leben aufzunehmen. So wirken die, denen wir wahrhaft begegnet sind, die verstorben sind, in unserem Leben weiter. Ihre Gedanken, Meinungen, Absichten, Handlungen bleiben für unser weiteres Leben wirksam durch die lebendige Erinnerung an sie.

Trauer zu verarbeiten und den Gedanken an den eigenen Tod anzunehmen, das bedeutet sich Fragen zum eigenen Leben zu stellen und neu zu beantworten. Es bedeutet auch, lernen loszulassen und dabei zu reifen, um das eigene Sein neu, frei und bewusst zu gestalten.
So sehr Todesgewissheit  manchen ängstigen mag, für mich ist sie der wichtigste Antrieb mein Leben verantwortlich zu gestalten. Wir Freireligiöse, aber auch Humanisten und andere Freigeister, bekennen uns zum Leben vor dem Tode.
Wenn ich das sage, werde ich oft verständnislos angeschaut. „Ihr glaubt an das Leben vor dem Tod? Aber daran muss man doch nicht glauben! Das ist doch einfach!“
Doch, man muss an das Leben glauben! Für mich ist es die Gewissheit des Endes, die meinem Leben erst eigentliche Bedeutung gibt. Weil mein Leben begrenzt ist, will ich das, was mir wichtig ist, was ich für das Leben als wichtig erkannt habe - Humanität, Gerechtigkeit, Solidarität, Respekt - verwirklichen, erfüllen und er-leben, also mit Leben füllen.
Die Akzeptanz der Endlichkeit wird mir zum Motor für Freiheit und Verantwortung. Sie bewirkt, dass ich mich ganz dieser einzigartigen Chance zu leben und etwas bewirken zu können zuwende.
Der Philosoph Montaigne formuliert es so:
„Sich in Gedanken auf den Tod einrichten, heißt, sich auf die Freiheit einzurichten.“
Und zwar die Freiheit dem eigenen Leben selbstbestimmt und verantwortlich Sinn und Richtung zu geben, soweit dies in den eigenen Händen liegt.
Montaigne meint daher auch:
„Die Menschen das Sterben lehren, meint sie Leben zu lehren.“
Leben und Tod bedingen sich wechselseitig. Auch bei Seneca heißt es schon:
„Wer den Tod ablehnt, lehnt das Leben ab.“
Den Sinn und die Richtung unseres Lebens selbst bestimmen zu dürfen, in jeder Lebenssituation neu, das ist unsere Freiheit. Es ist eine Freiheit, die wir durch das Akzeptieren des eigenen Sterben Müssens und durch den Glauben an das Leben vor dem Tod, gewinnen.
Mit dem eigenen Sterben Müssen finden wir uns daher leichter ab, als mit dem Verlust eines geliebten Menschen. Mit dem Tod, dem Verlust der anderen müssen wir zu leben lernen.
Auch wenn Trauer ist ein chaotisches Gefühl ist und uns immer wieder überfällt.

„Nach wie vielen Monaten ebbt Trauer ab? Hört sie überhaupt auf?“ fragen mich Trauernde oft.
Trauer verweigert sich Zeitvorgaben.
Antworten darauf kann vermutlich nur finden, wer täglich darum ringt, nicht für Gestern, sondern mit dem Gestern zu leben, und zwar im Heute.
Wer diese Lektion der Vergänglichkeit begriffen hat, kann sich weiterentwickeln und ist nicht zuletzt besser gewappnet, Schicksalsschläge gut zu bewältigen.
So wie der Gedanke an den eigenen Tod Antrieb für die Gestaltung von Sinn und Richtung, für Parteinahme in meinem Leben ist, so ist Trauerarbeit wirkliche Arbeit. Sie zu leisten ist notwendig, denn nur sie schenkt zuletzt auch neue Lebenskraft.

Kraft schenken uns auch Rituale, die uns entsprechen, die uns einen Rahmen für unser Denken und Fühlen geben.
Ein solches Ritual ist das Entzünden einer Kerze, das Entzünden eines Lichts, das Licht ist und macht. Und zu einem solchen Ritual möchte ich Sie nun zum Abschluss unserer Gedenkstunde auffordern.

Jeder, der dies möchte, ist aufgerufen, nun nach vorne kommen, um im Gedanken an den Tod und im Gedenken an Menschen, von denen er sich verabschieden musste, eine kleine Kerze zu entzünden.

Aber bitte entzünden Sie nicht nur eine Kerze, sondern nehmen Sie sich auch eine Nuss aus der Schale daneben mit nach Hause.
Diese Nuss mit ihrer harten Schale und dem nahrhaften und leckeren Kern soll Sie daran erinnern, dass zwar der Abschied schmerzt, hart und rau ist wie die Nussschale, dass aber jeder, der uns nahestand und etwas bedeutete etwas in uns bereichert und genährt hat. Dass über den Abschied hinaus etwas bleibt, das wir nährend in unser Leben mit hineinnehmen.

Darauf wollen wir uns besinnen:

Alles, was begonnen hat, wird enden.

Wie der Tag vergeht und in die Nacht übergeht,
wie die Nacht wiederum zum Tag wird,
in gleicher Weise
geht ein Zustand in den andern über.

Dein Leben begann
Und auch das meine.
Eines Tages wird dein Leben enden
Und auch das meine.

Alles endet
Alles ändert sich
Alles geht über
von einer Form in die andere

Aber in all diesem Wandel und Vergehen,
der so charakteristisch ist für das Leben
bleibt doch eines gleich:

Wir nennen es Leben, Existenz, Sein.
Es ist die unveränderbare Quelle von allem, was ist.

Lasst uns innehalten und uns ganz im Leben fühlen
für einen Moment:
Es ist unser Grund
Es ist unser Halt

Die Flamme, die wir nun entzünden
Spiegelt diesen Akt der Konzentration
Und gleichzeitig den kostbaren, miteinander geteilten Moment
Unserer Gemeinschaft.

 

Ute Kränzlein
Freireligiöse Landesgemeinde Baden