Morgenansprache der Freireligiösen Landesgemeinde Baden

Sonntag, den 10. September2017, im Südwestrundfunk

Es spricht Landespredigerin Ute Kränzlein, Mannheim

 

Von meinem Fenster fällt mein Blick auf große Kastanienbäume. Wenn ich am Schreibtisch sitze und nachdenke, dann ruht mein Blick auf ihnen und findet dort, mitten im bunten Treiben der Stadt, Ruhe und Gelassenheit. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich liebe Bäume. Sie haben etwas Beruhigendes: man kann sich am Grün der Blätter freuen, man kann sich an sie anlehnen, sie spenden uns frische Luft und kühlen Schatten.

 

Bäume sind für mich Metaphern für das Leben.

Mit der Wurzel greift der Baum tief in die Erde, sie gibt ihm Halt. Auch wir sind ohne das Wissen um unsere Wurzeln in Geschichte und Gesellschaft, in unserer Familie, ohne Halt.

Der Stamm ist mir ein Bild für Aufrichtigkeit und Selbstbewusstsein, aber auch für Großzügigkeit und verstehen wollen. Ein Bild für ein bewusst geführtes Leben, das auch einen Sturm zu nehmen weiß, das bereit ist, Verantwortung zu übernehmen für sich und andere. Denn der Baum bietet Lebensraum für viele.

Die Krone mit ihren ausladenden Ästen verweist auf das Streben nach Licht, das Streben nach Wissen und Erkenntnis, das Streben nach einem freien, offenen Geist.

Und wie der Baum sich in und mit den Jahreszeiten verändert, so verändert sich auch der Mensch in den Abschnitten seines Lebens: Kindheit und Jugend, Erwachsensein und Alter.

Der Baum verbindet Himmel und Erde und stellt damit so etwas dar wie die Mitte, um die der Mensch so oft in seinem Leben ringt.

Bäume bleiben, Menschen gehen.

Hilde Domin sagt: „Man muss Wege gehen können, aber sein wie ein Baum, als bliebe die Wurzel im Boden.“

Freie Religion erzieht zu beidem: zum Gehen und zum Bleiben. Sie lehrt, dass Leben stete Veränderung ist, auch für den, der bleibt.

Dort Wurzeln zu schlagen, wo das Leben uns hinstellt, uns unseren Aufgaben verantwortungsvoll zu stellen, das lehrt uns Freie Religion. Und sie lehrt uns auch weiterzugehen: lebensfroh, kritisch, und mit wachem Verstand.

Der türkische Schriftsteller Nazim Hikmet hat dafür ein schönes Bild gefunden. Er sagt:

„Leben wie ein Baum, einzeln und frei, doch brüderlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht.“

 

Ute Kränzlein,
Freireligiöse Landesgemeinde Baden