100 Jahre FLG-Baden – Auf dem Weg…. – Humanismus zu leben

Liebe Gäste, liebe Freunde einer freien Religion, liebe Festversammlung

Für mich drückt das Motto „Auf dem Weg sein ..“ im Kern aus, mit welchem Welt- und Menschenbild die Freireligiösen Gemeinden Badens 1918 die Landesgemeinde gegründet haben. Es spiegelt das Welt- und Menschenbild der Freireligiösen, welches schon zuvor die ersten Deutschkatholiken und Freien Gemeinden ab 1845 im Sinn hatten: das Welt- und Menschenbild des Humanismus.
Denn Humanismus bedeutet ja nicht nur den Glauben daran, dass der Mensch aus sich selbst heraus die Kraft hat, Sinn zu schaffen, eine humane Ethik zu entwickeln und Verantwortung für seine Mitmenschen und seine Mitwelt zu übernehmen. Humanismus bedeutet auch davon überzeugt zu sein, dass der Motor des Lebens Veränderung ist, dass die Welt sich ändert, so wie der Mensch und seine Lebensbedingungen sich ändern, dass der Mensch Einfluss nimmt auf die Veränderung und dass er dies tun kann mit immer neuen, den aktuellen Lebensbedingungen entsprechenden, humanen Konzepten. Humanismus leitet daraus die Verantwortung des Menschen für eine humane Welt, für humane Lebensbedingungen nicht nur für ihn selbst, sondern auch für die ihn umgebende, Lebensbasis schaffende Natur ab.
Humanisten haben ein positives, ein hoffnungsvolles Menschen- und Weltbild, ohne deswegen die Realität aus den Augen zu verlieren. Der Humanist sieht die Möglichkeit des Scheiterns, handelt aber bei der geringsten Aussicht auf Erfolg. Und genau diesen Gedanken, diese Überzeugung, diesen Glauben kann man in der Geschichte der Freireligiösen immer wieder als entscheidenden, anstoßgebenden Moment entdecken. Auf dem Weg sein…… Humanismus zu leben.
Die Freien Gemeinden, die Deutschkatholiken, die freireligiösen Gemeinden zu Beginn des 20. Jahrhunderts sie haben gehandelt, weil sie daran glaubten, gesellschaftliche Veränderung bewirken zu können. Sie wollten die Gesellschaft verändern, nicht nur ihren privaten kleinen Glauben, - den auch, denn es war zu Beginn der Bewegung ja nicht selbstverständlich, dass man überhaupt etwas anderes als evangelisch oder katholisch glauben durfte, gar freigeistig sein durfte -. Aber selbst da, wo es um die Möglichkeit des eigenen, privaten Glaubens ging, musste die Veränderung zwangsläufig auch eine gesellschaftliche sein, eine, die Gesellschaft etwas humaner, menschengemäßer machte.
Auf dem Weg …. des Humanismus.
Als Ronge sein offenes Sendschreiben verfasst, appelliert er an die Verantwortung der kirchlichen Obrigkeit, dem einfachen, ihr vertrauenden Menschen gegenüber. Die sozial-ethische oder psychologisch-ethische Verantwortung des Geistlichen, die Verantwortung, die ein menschlich handelnder, religiöser Oberhirte den Gläubigen gegenüber, seiner Meinung nach, zu übernehmen hatte. Sein Pamphlet: der Aufschrei nach Veränderung der Kirche, nach Abschaffung falscher Hierarchien, nach Befreiung von Aberglaube und Ausbeutung. Religion muss für den Menschen da sein, so sein Credo, nicht für die Kirche oder die Stabilisierung der feudalen Ordnung. ….. Er machte sich - und mit ihm viele andere - auf den Weg, Religion menschlicher zu machen. Der Weg des Humanismus:
Als Robert Blum, Herausgeber der „Sächsischen Vaterlandsblätter“ und Gründer der Freireligiösen Gemeinde Leipzig, für Freiheit des Glaubens und des Gewissens eintritt, gegen Dummheit, Bosheit und Aberglauben in der Religion wettert und die Befreiung durch Bildung propagiert, die Gleichheit aller Menschen fordert, setzt er auf die Kraft des Menschen, sich selbst ein Urteil über die Welt und seinen Platz darinnen bilden zu können. .. …. Er macht sich - und mit ihm viele andere - auf den Weg, eine humanere, eine demokratische Gesellschaft zu gestalten und eine Religion, die es jedem einzelnen überlässt, was er als sein Bekenntnis erachtet. Er macht sich auf den Weg zu Demokratie und Glaubensfreiheit, den Weg des Humanismus.
Als Julius Rupp, Gründer der Freireligiösen Gemeinde Königsberg, die „Religion der Humanität“ predigt, - die sich bei seiner Enkelin Käthe Kollwitz als geistig-ethischer Hintergrund all ihrer Bild- und Skulpturenkunst ausmachen lässt, - setzt er auf die geistige Kraft und soziale Verantwortung des Menschen. Der sich darauf besinnt, was humane Lebensbedingungen sind, was dem Menschen im geistig religiösen Bereich angemessen und zumutbar ist und was im praktisch sozialen Kontext…. Er macht sich - und viele andere mit ihm - auf dem Weg zu einer Freien Religion, die den Menschen und das Humane in den Mittelpunkt stellt und die Lebensbedingungen verbessern, humanisieren will.
Förderung und Bildung gehört als erstes dazu, vor allem auch der Kindergarten, eine freie Schule, wie sie von Eduard Baltzer in Nordhausen ins Leben gerufen werden. Um die gleiche Zeit schaffen andere Ausbildungsmöglichkeiten für junge Mädchen, die Frauenhochschule, geben Arbeiterinnen Gelegenheit, sich mit Nähen den Lebensunterhalt zu verdienen und daneben Lesen, Schreiben und Rechnen, Naturwissenschaften und Philosophie und zu lernen. …… Es geht um eine gerechtere Welt, um die Förderung von Frauen und Kindern, es geht um Selbstbestimmung und Eigenständigkeit durch berufliche Bildung, die Humanisierung der Lebensbedingungen.
Es gäbe noch jene zu erwähnen, die sich aufmachten für die Anerkennung der Frau als vollständigen Menschen, die wie Amalie Struve und später Ida Altmann, Luise Dittmar und viele andere landauf, landab von der Gleichberechtigung und den Rechten der Frauen sprechen, Frauen ermutigen sich zu beteiligen an Diskussionen, religiösen wie politischen, sich das Recht zur Beteiligung an der Gestaltung der Welt zu erstreiten. … Sie machten sich auf den Weg zu Gleichberechtigung und Frauenwahlrecht – das übrigens dieses Jahr auch seinen 100. Geburtstag feiert! Der Weg des Humanismus.
Es gab natürlich noch viele andere. Man könnte noch von Nees von Esenbeck erzählen, dem Arzt, Botaniker und Philosophen, der sich auf den Weg macht zu einer Gesellschaft, die Natur als Lebensgrundlage des Menschen ansieht und für alle Menschen gleiche Rechte einräumt. Oder von Eduard Baltzer, dem ersten Präsidenten des Bundes Freireligiöser Gemeinden Deutschlands, der sich als Vegetarier auf den Weg macht zu einer gewaltfreien Gesellschaft, die Empathie nicht nur auf den Menschen, sondern auch auf die Natur bezieht.
Als die Freireligiösen Gemeinden Badens sich zusammenschließen tun sie das, weil sie sich gegenseitig unterstützen wollen in ihrem Anliegen, gleiche Rechte neben den Kirchen zu erhalten. Es geht vor allem um den Religionsunterricht und die staatliche Bezahlung desselben. Sie machen sich auf den Weg der Gleichberechtigung. Und unabhängig davon, ob man darin einen Verrat an der Forderung nach einer strikten Trennung von Staat und Kirche sieht oder nicht, sie machen sich damit auf einen Weg, den viele unserer Gemeinschaften bis heute teilen und z.T. sehr erfolgreich gehen, den Weg, sich als gleichberechtigte Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften neben den „großen“, sagen wir besser, anderen Religionsgemeinschaften aufzustellen, um als subsidiäre Partner des Staates und der Kommunen das wichtige Feld der Bildungs- und Sozialangebote im Gemeinwesen zu bearbeiten und gesellschaftliche Vielfalt damit abzubilden und zu gestalten. … Sie machen sich auf den Weg – und auf dem befinden wir uns noch heute –freireligiöse, säkulare, humanistische Alternativen in Bildung und Sozialarbeit und –betreung einzurichten und zu etablieren!
Menschen sind verschieden und haben unterschiedliche Lebensentwürfe! Vielfalt der Angebote macht die Welt menschlicher, weil sie der Vielfalt und Unterschiedlichkeit menschlicher Lebensweisen Rechnung trägt.
Das ist die Erkenntnis eines neuen Humanismus, wie ihn Karl Jaspers nach den großen humanen Katastrophen des 20.Jhds. in seinem Vortrag über „Die Bedingungen und Möglichkeiten eines neuen Humanismus“ vorgeschlagen hat. Jaspers weist darauf hin, dass sich niemals komplett beschreiben lasse, was der Mensch sei, da dies seiner Freiheit und der ständigen Entwicklung der Welt zuwiderlaufe. Der Mensch sei grundsätzlich „offen“. - Karl Popper entwickelt daraus das Konzept der offenen Gesellschaft. -
Der Mensch kann alles sein, was er sein kann. Es gilt nicht länger nach einem Wesen, einer Essenz des Menschen zu fragen, sondern danach, „Was es heißt (heute), als Mensch zu leben?“ und „Unter welchen faktischen Bedingungen das Menschsein heute steht“!
Damit sind wir im Heute angekommen und bei der Frage, auf welchen Weg wir uns heute als freireligiöse Humanisten machen wollen/sollen, welche Wege wir weitergehen wollen/ sollen. Und welche Möglichkeiten wir für unser humanistisches Handeln heute sehen?
Es geht dabei um das gegenwärtige Menschsein. Nicht darum, wie Menschen früher lebten, noch um die Cyborgs(Mischwesen aus Technologie und Mensch, cybernetic organisme) der Zukunft, von denen der Transhumanismus träumt. Es geht um unsere heutige Lebensrealität.
Was sind denn die faktischen Bedingungen des Menschseins unserer Zeit?
Globalisierung, ein entfesselter Kapitalismus, von dem wir in den wohlhabenden Industriestaaten gleichwohl profitieren, die Technik, Omnipräsenz des Internet, virtuelle Welten und künstliche Intelligenz prägen das Menschsein heute. Dazu Umweltverschmutzung und –zerstörung, Klimawandel, die noch unausgeloteten Möglichkeiten der Biotechnologie…. .
Technikkritik kann nicht die humanistische Perspektive sein, denn ohne Technik ist Menschsein im 21. Jhd. undenkbar. Aber die Frage nach der Rolle der Technik für unser Leben ist eins der großen Themen, denen sich freireligiöser/säkularer Humanismus heute stellen muss.
Wenn wir den Weg des Humanismus, den unsere Gründungsmütter und –väter eingeschlagen haben weitergehen wollen, dann müssen wir Wege finden, humane Änderungen/Entwicklungen anzustoßen und zu befördern.
Angesichts von Globalisierung, Migration und der Diskussion um die sog. „Werte eines christlichen Abendlandes“ und entsprechender Leitkulturen, erhebt sich die Frage nach gemeinsamen Werten und Normen über Religionen und Nationalstaaten hinweg. Ein lohnender Einstieg für humanistisches Denken.
Denn Humanismus kann am kleinsten gemeinsamen Nenner ansetzen: dem Menschsein und dem Vermögen zu Menschlichkeit.
Beides geht dabei immer schon über uns hinaus ist also transzendent. Menschsein können wir nicht für uns allein. Wir erfahren uns immer erst durch den anderen. Das Vermögen zu Menschlichkeit ist nichts anderes als Verantwortung für den anderen.
Humanistische Überzeugungen bieten die Möglichkeit, über Differenzen hinweg im Gespräch zu bleiben. Statt sich als verfeindete Lager, als Christen und Atheisten, als Rechte oder Linke zu begegnen, muss es möglich sein, sich als Menschen zu begegnen – ein Ideal, ja, aber eines, das realisierbar erscheint
Freireligiöser Humanismus bleibt lebenspraktisch und realistisch. Er nimmt die Welt und den Menschen zur Kenntnis wie sie sind und versucht dennoch, sie Stück für Stück zu verändern. Die Basis dafür ist die Sorge um den gegenwärtigen Menschen.
Kleiner Exkurs: Den Menschen aus der Zukunft zu denken – wie es tendenziell der Transhumanismus tut und wie es die christlichen, eschatologisch aufgestellten Religionen tun - ist meiner Ansicht nach antihumanistisch. Daran sind bisher noch alle Ideologien vom „Neuen Menschen“ gescheitert und in furchtbare Sackgassen geraten. Die Zukunft des Menschen liegt in seiner Gegenwart, die auf der Vergangenheit gegründet ist. Alles andere ist ein Trugschluss.
Der Weg des Humanismus ist nur als fortwährender Diskurs denkbar, denn die Menschheit und die Lebensrealität verändern sich immerzu. Grundlage bleibt ein hoffnungsvoller Menschheitsbegriff und das Ziel, eine lebenswerte Zukunft für alle anzustreben.
Humanismus ist ein Weg, eine bestimmte Haltung, die Vertrauen in den Menschen setzt und sein Vermögen zu Menschlichkeit, und seinen Wunsch, sein Leben und die Welt verantwortungsvoll zu gestalten. – Diesen Weg gilt es weiterzugehen. Ich hoffe, Sie sind alle dabei!