Rundfunkansprache am 10. Juni 2018.

 

„Not lehrt beten“, sagt man. Ja, ja, ist wohl so. Bei manchen vielleicht, aber man lebt doch nicht immer in Not. Brauche ich Religion eigentlich nur, wenn es mir schlecht geht? Ich finde, es wäre ein Armutszeugnis für eine Religion, wenn sie nicht mehr zu bieten hätte, als seelisches Trostpflaster zu sein.

Unser Leben hat doch auch andere Momente: Liebe, Vergnügen, Freude, Entspanntheit, Ausgelassenheit, viele Dinge, ganz unterschiedliche, die zu unserem Dasein gehören. Was ist, wenn es mir gut geht, wenn ich mich freue? Brauche ich dann keine Religion mehr? Was heißt schon „brauchen“? Ich brauche Luft zum Atmen, ausreichend Schlaf und Essen und Trinken. Leben aber ist mehr.

Man muss ja auch nicht nur beten, wir Freireligiösen haben gar keine Gebete im herkömmlichen Sinne. Zu wem sollten wir auch beten? Zur Natur? Zum Leben, zur Liebe, zum Sinn?

Ich meine, Religion ist viel mehr als nur eine Reparaturwerkstatt für das Gemüt. Religion ist Liebe, die Freude beim Waldspaziergang in einem grünen Frühlingswald, sie ist das Erfülltsein beim Hören eines Musikstückes, beim Betrachten eines Kunstwerkes genauso wie in der Erfahrung der Gemeinschaft mit anderen Menschen.

Es ist keine Schande, Lebensfreude zu haben und Albert Camus sagt zurecht: Ich nenne einen jeden einen Dummkopf, der sich vor dem Genießen fürchtet.

Ich will keinesfalls die unschönen, schweren Seiten des Lebens beiseiteschieben, leugnen oder gar verdrängen. Unser Leben, wie die ganze Natur, - deren Teil wir ja sind -, ist eine Einheit von Hell und Dunkel, von Freude und Leid, das gehört zusammen, erfährt seinen Sinn nur, indem es sich ergänzt. So wie es das chinesische Yin und Yang symbolisiert.

Religion ist nicht nur ein Notnagel, sondern lässt Sinn und Ganzheit aufscheinen. Ich bekenne mit Albert Camus: „Die Welt ist schön, und außer ihr ist kein Heil.“

Ein Kollege erzählte mir, dass einmal Nachts um zwei Uhr ein Gemeindemitglied bei ihm angerufen habe, nur um ihm zu sagen, dass das Leben schön sei und dass es ihm gut gehe. Er sitze bei einem Glas Wein auf der Veranda und erfreue sich am Sternenhimmel und der lauen Sommernacht. Man muss seinen Seelsorger nicht immer nur anrufen, wenn man von Sorgen geplagt wird.

 

Thomas Lasi, Freireligiöse Landesgemeinde Baden