Die rote Ampel.

 

‘Stehenbleiben’, ‘Innehalten’, ‘eine kleine Pause machen’ - klingt gut, müsste man öfter tun. Keiner wird widersprechen.

Aber: Tun wir es auch? Ich glaube, es fällt uns fast so schwer, wie an der roten Ampel, das Grün abzuwarten. Diese Unterbrechung des Gehens ist oft einfach so lästig, dass man - wenn es möglich ist und keine Kinder da sind, denen man ein schlechtes Beispiel geben könnte, - mal schnell über die rote Ampel rennt. Dieses Stehenbleiben wird von uns als unnötiger Zeitverlust gesehen, obwohl es doch ein notwendiges und sinnvolles Element eines harmonischen und sicheren Ablaufes des Straßenverkehrs ist. Was geht uns durch den Kopf, wenn wir an einer roten Ampel stehen bleiben? Wahrscheinlich Gedanken wie diese: Schon wieder verliere ich wertvolle Minuten. Hoffentlich erreiche ich meinen Zug noch. Oder: Was wollte ich noch besorgen und wo kriege ich es am Besten? Solche und ähnliche Gedanken haben wir, wenn wir an der roten Ampel warten.

Ziemlich verblüfft war ich, als ich vor Kurzem einen Bekannten sagen hörte: Ich bleibe gerne an der roten Ampel stehen. Da muss ich nicht nur, sondern darf eine Pause machen. Ich stehe auch gerne hier, weil es etwas Sinnvolles ist, denn während ich hier warte, können die anderen fahren; und wenn die anderen stehen, kann ich gefahrlos hinübergehen. Ich gestehe: Ich hatte diese Gedanken auch noch nie. Aber eigentlich sind sie doch plausibel. Gerade wenn viel los in der Stadt ist, wenn es alle eilig haben, jeder den Terminen hinterherhetzt, dann nervt das schon mal. Tatsächlich aber ist das Stehenbleiben an der roten Ampel ein Akt der Solidarität und auch ein Akt, der Gemeinschaft fördert. Sehen Sie es mal von der Seite, wenn sie wieder ungeduldig vor einer Ampel warten müssen.

Dieses Stehenbleiben und Innehalten hat durchaus mit einem Verweilen zu tun, aus dem wir Kraft schöpfen. Das Stehenbleiben an der Ampel sollte eigentlich freiwillig sein. Ich bewundere immer die Blindenhunde, die grundsätzlich und ohne Aufforderung an einer roten Ampel stehen bleiben. Die haben das gelernt und machen es so, wie sie es gelernt haben. Den Vergleich zu Menschen verkneife ich mir. Nebenbei gesagt: Mein Hund bleibt auch stehen an der roten Ampel, aber natürlich nur, wenn ich ‘Sitz’ gesagt habe. Dann setzt er sich hin und wartet. Wenn wir hingegen aus freien Stücken stehen bleiben, tun wir das, weil wir dieses Innehalten mit einem Sinn belegen können. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit, denken Sie bei der nächsten roten Ampel an mich.

 

Thomas Lasi, Freireligiöse Landesgemeinde Baden