Worte der Besinnung Mai 20

Liebe Freunde einer freien Religion,

Die Freireligiösen und die Pandemie oder „Together first!“

In meinem Tagebuch für dieses Jahr steht für diese Woche
„Wer dieses Leben recht versteht, will heiter sein, so oft es geht.“
Von einem gewissen Wilhelm Ludwig Hosch, ein pietistischer Theologe und Kirchenlieddichter, also nicht gerade einer, den ich sonst zitieren würde, zumal auch der Reim etwas von der Art des „reim dich oder ich fress dich“ hat.

„Wer dieses Leben recht versteht, will heiter sein, so oft es geht.“ Das klingt ein bisschen sehr einfach, banal. Aber liegt nicht oft im Banalen, im ganz Einfachen das Wichtige?
Heiter zu sein, also glücklich und unbesorgt, unbeschwert zu sein, ist ja nun wirklich ein wichtiges Lebensziel! Oder?

So will ich trotz der Bedenken zu Spruch und Verfasser und dem Zufall folgend, die Worte der Besinnung damit beginnen.

Ebenso zufällig ist ja auch die historische Zeit des „Corona(h) und Corofern“, wie Pia Oberacker-Pilick, die Vorsitzende der Gemeinde Karlsruhe, es so schön formuliert hat, über uns hereingebrochen, mit all den Änderungen und Verunsicherungen unseres Alltags, unserer Lebensart. Ob wir es wollten oder nicht. – Wir wollten es nicht! –

Keiner hat uns danach gefragt, wie es eben so ist im Leben. Uns Freireligiöse fragt sowieso nie einer, ob wir dieses Leben wollen oder nicht, ob wir in dieser Stunde gesund sind oder nicht, ob wir Kummer haben oder glücklich sind.

Mit Zufällen zurecht zu kommen, das heißt ein sinnvolles, selbstbestimmtes und mitverantwortliches Leben zu führen, – egal, was passiert – ist denn ja auch die eigentliche, die besondere Aufgabe von uns freireligiösen Menschen.
Es gibt keinen, den wir verantwortlich machen können, außer in einem gewissen Maße uns selbst. Für uns gibt es keine Göttliche Fügung!
Für uns gibt es „nur“ die kausalen Zusammenhänge von Gegebenheiten, natürliche Gesetzmäßigkeiten, die Zusammenhänge und Kreisläufe des Lebens, von Werden und Vergehen, die Beschaffenheit oder das so Sein von Kosmos, Welt und Leben. Und eben das zufällige Zusammentreffen unterschiedlicher  Ereignisse und Gegebenheiten, die wiederum zu neuen Entwicklungen/Kausalitäten des evolutionären Geschehens, innerhalb dessen wir stehen, führen.
Kausalität und Zufall sind für uns die Prinzipien des Lebens. Und dazwischen unser Streben danach, glücklich zu sein und (persönlichen) Sinn zu finden.
Und das tun wir.

„Wer dieses Leben recht versteht, will heiter sein, so oft es geht.“

Insofern war mir auch nicht bang, als wir, Prediger und solche, die es werden wollen, zu Beginn der pandemisch bedingten Einschränkungen unserer Arbeit kurzerhand beschlossen, uns unseren Mitgliedern telefonisch zuzuwenden und sie so und eventuell darüber hinaus durch praktische Hilfe zu stärken und zu unterstützen. Natürlich war klar, dass sie sich zu helfen wissen würden, dass sie es verstehen würden mit der Situation umzugehen! Die meisten von ihnen hatten sowieso schon viel Schlimmeres durchgemacht!

Überraschend war das Ergebnis der Aktion vielleicht dennoch. Ich weiß nicht, wie es den Kollegen erging, aber ich denke, nicht viel anders als mir.
Die Mitglieder am Telefon waren freudig überrascht, dass man an sie gedacht hatte. Sie nahmen sich Zeit zu erzählen, von sich, aber auch darüber zu reflektieren, was da gerade geschieht, wie es sich auswirkt persönlich und allgemein, für sie selbst, aber auch für die Kinder und Enkelkinder. Es entwickelten sich Gespräche, die sonst vielleicht nicht so ausführlich gewesen wären; nachdenklich, aber auch heiter und ja, auch mal ängstlich, meist aber lebenserfahren und mutig, auch verwirrend, wie die zwiespältigen Gefühle, die die Situation begleiteten und begleiten. Es war eine Mischung aus Verunsicherung, Gelassenheit und Zuversicht und ganz viel Sorge um andere.

Man musste sich zunächst einmal, so empfand ich es selbst, neu sortieren. Veranstaltungen fielen weg, Begegnungen fanden nicht statt, da war plötzlich Zeit, aber auch eine gewisse Leere, der Verzicht auf Nähe, Austausch und Unternehmungen.
Andererseits war man aber auch nicht eingesperrt oder gar verlassen. Man konnte nach draußen, die Versorgung war -wenn man vom Klopapier und Nudeln absieht – nicht eingeschränkt und es gab von Anfang an eine Fülle privater und organisierter Hilfsangebote. Viel mehr als man zuvor vermutet hätte, so wurde mir von vielen berichtet. Angebote von Leuten aus der Nachbarschaft, deren Namen man nicht einmal kannte. Hier entstand neues Vertrauen in die Gemeinschaft. Auch in die Politik!
Das, finde ich, ist richtig gut, das tut unserer Gesellschaft gut. Auch wenn sich jetzt schon wieder eine Gegentendenz ausmachen lässt.
Aber insgesamt hat sich die Gesellschaft, also wir Menschen, vernünftiger und menschlicher verhalten als man zuvor angenommen hätte. Relativ klaglos hat man Restriktionen akzeptiert und ein- und ausgehalten.
Zusammenhalt entstand in dieser verrückten Zeit im Bewusstsein der gemeinsam eingehaltenen oder einzuhaltenden Distanz. Mitmenschlichkeit durch Distanz. Digitale Medien als Ersatz für den verlorenen öffentlichen Raum.

Corona hat uns Widersprüche beschert. Und neue Ideen.

Was wir zunächst gewonnen haben, -nach meiner Wahrnehmung, – war: Zeit.
Zeit zum Nachdenken. Zeit für uns selbst.  Zeit zum Denken an andere.

Was noch? Ruhe oder Stille! Allein durch die Reduzierung des Verkehrsaufkommens. Viele haben das sehr genossen und haben gehofft, dass sich das halten würde.

Kreativität haben wir gewonnen, durch das Nachdenken darüber, was an die Stelle der verwehrten Begegnungen und den verschiedensten Veranstaltungen, Konzerten, wie Andachten getan werden könne.

Der verstärkte Zugriff auf digitale Formate. – Ich selbst musste plötzlich mein Grußwort für die Gemeinde Offenbach digital abliefern und fand mich in meinem Wohnzimmer, nur um festzustellen, dass es nicht ganz damit getan ist, sich vor ein Mikro und eine Kamera zu setzen und loszulegen.-

Auf solche Medien werden auch wir in der nächsten Zeit stärker und schneller als wir das dachten zurückgreifen (müssen), um unsere Veranstaltungen und damit unsere Inhalte in die Gesellschaft und nicht nur zu unseren Mitgliedern zu bringen. Denn wenn ich z.B.  im Scholl-Saal nur noch mit 8 Personen zusammenkommen kann, muss ich überlegen wie ich mehr Menschen erreiche.

Andererseits ersetzt ein Live-Streaming nicht das Gefühl der Gemeinschaft! Schließlich haben wir vor Corona festgestellt, dass unsere Feierstunden besser angenommen werden, wenn wir anschließend ein gemütliches Beisammensein mit Essen, Trinken und Gesprächen anbieten.

Natürlich hat der erzwungene Stillstand auch viele negative Folgen gehabt und wird weitere nach sich ziehen.

Aber eine interessante Frage ist: Was hätten Sie nicht erlebt, wenn es den Shutdown nicht gegeben hätte? – Viele Familien erzählen von mehr Zeit für die Kinder und deren Entwicklung, auch wenn die Umstände eine Herausforderung sind.- Weniger Hektik. – Weniger Schielen auf neueste Trends und Moden. – Hilfe von Unbekannten. –

In all den Widersprüchlichkeiten des Ungewohnten sind mir zwei Dinge besonders positiv aufgefallen und erscheinen mir gerade aus der freireligiösen Perspektive als erhaltenswert und dazu angetan unsere Gesellschaft positiv zu verändern.

Das Handeln des Individuums zugunsten des Allgemeinwohles – denn nichts anderes ist es, wenn ich Maske trage oder wenn ich alles für den größtmöglichen Infektionsschutz tue -.

Und die Orientierung dieses Handelns an wissenschaftlicher Erkenntnis. – Ich glaube, es hat noch nie eine Zeit gegeben, in der die Meinung der Wissenschaft so nachgefragt wurde.

Beides Verhaltensweisen, die für uns Freireligiöse grundlegende Aspekte unserer Weltanschauung sind: die Orientierung an Verstand und Wissenschaft und die Verwirklichung von Menschlichkeit.

Ich finde es positiv, wenn solche Verhaltensweisen in einer Krise entstehen und es wäre schön, wenn es uns gelänge, dieses Verhalten in einen neuen Alltag hineinzubringen.

Lebenssinn oder Glück finden wir indem wir mitverantwortlich leben, auf Menschlichkeit bauen und die Welt mit unserem Verstand zu erfassen suchen.

Drum lassen Sie mich die Worte der Besinnung schließen mit dem Spruch, der in der Woche zuvor in meinem Kalender stand und der von einem Denker stammt, der in vielem mehr zu unserem Freireligiösen Weltverständnis passt als der Pietist Hosch, nämlich von Immanuel Kant.

Er lautet:

„Die Regeln des Glücks:
Tu etwas, liebe jemanden, hoffe auf etwas.“

In diesem Sinne wünsche ich der Versammlung einen guten Verlauf und uns allen, Glück und Gesundheit!

Ute Kränzlein